• Wirtschafts-Geologie

Wirtschafts-Geologie

27.06.2019

Mit den Worten «Geld versenden sollte so einfach sein, wie ein Foto zu verschicken» deutete Facebook-Boss Mark Zuckerberg jüngst an einer Konferenz das neueste Vorhaben seiner Firma an. Damit meinte er die kurz darauf offiziell angekündigte Lancierung einer neuen Kryptowährung namens «Libra». Sie soll Nutzern in aller Welt, vor allem auch in Gegenden ohne Finanzinfrastruktur, das Versenden von Geld untereinander sowie den Kauf von Waren und Dienstleistungen ermöglichen. Und das schon ab der ersten Hälfte 2020. Unsere Welt soll mit nichts weniger als einer neuen Weltwährung beglückt werden. Wieder einmal soll etwas einfacher, günstiger und besser werden als je zuvor. Die Cyber-Gemeinde jubelt, IT-Freaks sind begeistert. Die in Aussicht stehende Disruption in der Finanzwelt wird auf breiter Front beklatscht. Es melden sich aber auch warnende Stimmen, die nach Aufsicht, Datensicherheit und Datenschutz fragen. Gott sei Dank! Denn der verzuckerte Datenberg wird mit dem neuen Produkt um weitere Abermillionen von Daten anwachsen. Mit «Libra» wird das «Fratzenbuch» bald noch mehr über seine Kunden wissen als diese von sich selbst. Big Brother gedeiht prächtig. Das Orwell-Jahr «1984» haben wir schon hinter uns. Vieles, was in diesem 1949 erschienenen Buch noch Fiktion war, ist inzwischen Realität. Denken wir nur an den uns heute täglich servierten Unterricht in Neusprech, der gemäss Orwell «von schädlichen Begriffen gereinigten Sprache». Das Jahr 2540, in dem Aldous Huxleys «Schöne neue Welt» spielt, ist noch weit von uns weg. Trotzdem nehmen auch seine totalitären Fiktionen laufend mehr Gestalt an. Bisher noch kaum etwas über «Libra» zu lesen gab es im Zusammenhang mit Systemrelevanz, Darknet-Deals usw. Und auch bei den sonst doch wegen deutlich kleinerer «Fische» so emsigen Wettbewerbshütern scheint Funkstille zu herrschen. US-«Federal Trade Commission»? EU-Kommission? OECD? Überall Sendepause. Sicher: Neu- und Weiterentwicklungen sollen und dürfen nicht ausgebremst werden. Aber wir sollten auch dafür besorgt sein, dass eine als positive Disruption gepriesene Innovation nicht zur unkontrollierten Eruption eines verzuckerten Zauberbergs mit einer alles verschluckenden Caldera wird.

Markus Meier, Direktor HEV Schweiz